Am Abend verschwinden die letzten Sonnenstrahlen hinter den Walliser Gipfeln. Draussen herrscht vollkommene Stille, das Hotelzimmer ist gemütlich eingerichtet und vom Fenster aus reicht der Blick über die Bergketten. Eigentlich sind das ideale Bedingungen für eine erholsame Nacht. Trotzdem liegen manche Gäste stundenlang wach oder werden ungewöhnlich oft aus dem Schlaf gerissen.
Der Grund liegt nicht unbedingt an der Matratze oder an der ungewohnten Umgebung. Wer innerhalb weniger Stunden vom Flachland auf über 2.000 Meter reist, verlangt seinem Körper eine Anpassung ab, die auch nachts weiterläuft.
Warum die Höhe bereits bei der Anreise eine Rolle spielt
In der Schweiz lassen sich grosse Höhen erstaunlich bequem erreichen. Bergbahnen bringen Reisende innerhalb kurzer Zeit vom Tal in Regionen, für die früher ein langer Aufstieg notwendig war. Gerade diese Bequemlichkeit kann darüber hinwegtäuschen, wie stark sich die Umweltbedingungen verändern. Der Anteil des Sauerstoffs an der Luft bleibt zwar ungefähr gleich, doch mit sinkendem Luftdruck gelangt bei jedem Atemzug weniger Sauerstoff in die Lunge.
Ein Hotelgast muss dafür keinen Viertausender besteigen. Schon auf rund 2.000 Metern können empfindliche Personen Veränderungen bemerken, insbesondere nach einer schnellen Anreise aus tieferen Lagen. Der Körper reagiert mit einer verstärkten Atmung und einem höheren Puls. Wer zuvor mehrere Stunden im Auto oder Zug verbracht hat, bemerkt davon zunächst möglicherweise wenig. Erst beim Treppensteigen, beim Auspacken des Gepäcks oder beim Einschlafen wird die ungewohnte Belastung deutlicher.
Weshalb der Schlaf in den Bergen unruhiger werden kann
Während des Schlafs verändert sich die Steuerung der Atmung. In der Höhe reagiert der Körper empfindlicher auf Schwankungen des Sauerstoff- und Kohlendioxidgehalts im Blut. Dadurch kann ein sogenanntes periodisches Atemmuster entstehen: Auf Phasen stärkerer Atmung folgen Abschnitte mit deutlich flacheren Atemzügen. Besonders oberhalb von etwa 2.700 Metern tritt dieses Phänomen häufig auf und kann den Schlaf wiederholt unterbrechen.
Betroffene erinnern sich am Morgen nicht unbedingt an jedes Aufwachen. Stattdessen berichten sie von lebhaften Träumen, ungewöhnlicher Müdigkeit oder dem Gefühl, kaum tief geschlafen zu haben. Auch der Anteil der einzelnen Schlafphasen kann sich verändern. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Übernachtung in einem Berghotel automatisch schlecht ausfällt. Viele Menschen schlafen bereits nach einigen Nächten ruhiger, sobald sich ihre Atmung besser an die Höhe angepasst hat.
Zwei Berghotels zeigen, wie unterschiedlich die Bedingungen sind
Das Riffelalp Resort oberhalb von Zermatt liegt auf 2.222 Metern. Gäste erreichen es mit der Gornergratbahn und verbringen die Nacht inmitten der Walliser Bergwelt. Die Höhe kann bereits spürbar sein, liegt aber noch deutlich unter jener vieler hochalpiner Unterkünfte. Wer hier ankommt, hat ausserdem die Möglichkeit, den ersten Nachmittag ruhig zu verbringen, ohne sofort anspruchsvolle Wanderungen unternehmen zu müssen.
Anders sieht die Ausgangslage im 3100 Kulmhotel Gornergrat aus. Das Hotel befindet sich auf rund 3.100 Metern und bietet einen aussergewöhnlichen Blick auf das Matterhorn und die umliegenden Viertausender. Wer am selben Tag aus einer tiefer gelegenen Stadt anreist, überwindet innerhalb kurzer Zeit einen erheblichen Höhenunterschied. In dieser Lage sind Veränderungen der nächtlichen Atmung deutlich wahrscheinlicher. Die beiden Hotels zeigen, weshalb bei der Buchung nicht nur Aussicht und Ausstattung, sondern auch die tatsächliche Schlafhöhe eine Rolle spielen sollten.
Wann eine schlechte Nacht mehr als eine Schlafstörung ist
Nicht jede unruhige Nacht deutet auf eine Höhenkrankheit hin. Ein fremdes Bett, Reiseaufregung oder eine zu warme Zimmertemperatur können ebenfalls den Schlaf beeinträchtigen. Anders ist die Situation, wenn nach dem Aufstieg deutliche Kopfschmerzen auftreten und weitere Beschwerden wie Übelkeit, Schwindel oder ungewöhnliche Erschöpfung hinzukommen. Diese Kombination kann auf eine akute Höhenkrankheit hinweisen, insbesondere bei nicht akklimatisierten Reisenden ab etwa 2.450 Metern.
Die Beschwerden beginnen häufig innerhalb der ersten zwölf Stunden nach der Ankunft und können sich während der ersten Nacht bemerkbar machen. Bei Verdacht auf Höhenkrankheit sollte niemand weiter aufsteigen, um noch einen höheren Aussichtspunkt zu besuchen oder die nächste Unterkunft zu erreichen. Verschlechtern sich die Symptome, ist ein Abstieg notwendig. Verwirrtheit, erhebliche Gleichgewichtsstörungen oder Atemnot in Ruhe sind Warnzeichen, die sofortige medizinische Hilfe erfordern. Eine vermeintlich harmlose Schlafstörung darf solche Beschwerden nicht verdecken.
So lässt sich die erste Nacht besser vorbereiten
Eine angenehme Übernachtung beginnt bereits mit der Reiseplanung. Wer mehrere Tage in den Alpen verbringen möchte, kann zunächst eine Nacht auf mittlerer Höhe einlegen, bevor es weiter hinaufgeht. Besonders vor einer Übernachtung auf rund 3.000 Metern ist eine schrittweise Gewöhnung sinnvoll. Nach der Ankunft empfiehlt sich ein ruhiger Nachmittag anstelle einer anstrengenden Wanderung. So erhält der Körper Zeit, sich auf die veränderten Bedingungen einzustellen.
Auch das Abendprogramm beeinflusst die Erholung. Alkohol ist in den ersten 48 Stunden nach der Ankunft in grösserer Höhe ungünstig, da er die nächtliche Atmung beeinträchtigen kann. Eine normale Flüssigkeitszufuhr ist sinnvoll, übermässiges Trinken bringt dagegen keinen zusätzlichen Schutz vor Höhenkrankheit. Schwere körperliche Belastung sollte zunächst vermieden werden. Wer Schlafmittel einnimmt oder an einer Herz- beziehungsweise Lungenerkrankung leidet, sollte vor einer hoch gelegenen Übernachtung ärztlich abklären, welche Besonderheiten zu beachten sind.
Weshalb die zweite Nacht oft anders verläuft
Die ersten Tage in den Bergen sind eine Übergangsphase. Mit zunehmender Akklimatisation wird die Atmung allmählich effizienter, während sich der Körper auf den geringeren Sauerstoffdruck einstellt. Dieser Prozess beginnt bereits innerhalb weniger Stunden, setzt sich aber über mehrere Tage fort. Deshalb kann jemand, der in der ersten Nacht häufig aufgewacht ist, am nächsten Abend deutlich besser schlafen. Eine Garantie dafür gibt es nicht, vor allem wenn die Höhe weiter zunimmt.
Für die Wahl eines Berghotels lohnt es sich deshalb, die gesamte Reiseroute zu betrachten. Ein mehrtägiger Aufenthalt auf 2.200 Metern stellt andere Anforderungen als eine einzige Nacht auf 3.100 Metern unmittelbar nach der Anreise aus dem Flachland. Auch die Möglichkeit, bei Beschwerden unkompliziert ins Tal zurückzukehren, gehört zur Planung. Wer ausreichend Zeit für die Anpassung einräumt, kann die besondere Ruhe der Hochalpen meist entspannter geniessen. Dann wird aus der ersten ungewohnten Nacht vielleicht doch noch jener Schlaf über den Wolken, den man sich bei der Buchung vorgestellt hat.

